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„Akademiker in die Armee“ Kleiner Bericht über den Vortrag am 21.11.2011

24. November 2011

Gießen. Langsam füllte sich am Montag dieser Woche die in Erwartung weniger Teilnehmer aufgestellten Stuhlreihen im Café Amélie, bis dann schließlich, wenige Minuten nach angekündigtem Beginn mehr als befürchtet und weniger als erhofft Platz genommen hatten, um Michael Schulze von Glaßer zuzuhören, der schon lange vor Beginn der Veranstaltung gekommen war um noch Gespräche zu führen und sich auf seinen Vortrag vorzubereiten.

Nach einem kurzen Einstieg von Alan Ruben van Keeken vom AK Zivilklausel, der die häufigen Auftritte der Bundeswehr im Rahmen von Jobbörsen und Informationsveranstaltungen für SchülerInnen und Abiturienten im Gießen und Umgebung thematisierte(Rund 20 Studiengänge bietet die Bundeswehr laut einem Artikel der Gießener Zeitung bei Informationsveranstaltugen an) und für eine Aktionseinheit zwischen Zivilklauselbewegung und den Initativen gegen das Engagement der Bundeswehr(Bundeswehr raus aus Schulen/Bundeswehr wegtreten) an Schulen warb, konnte der eigentliche Vortrag beginnen.

Den Einstieg machte der Referent mit der zentralen Frage des „Warum“. Warum überhaupt investiert die Bundeswehr soviel Geld in die Nachwuchsförderung? Die Antwort nimmt sich relativ einfach aus: Obgleich die Zahlen der Soldaten, die jährlich „nachrücken“ sollen, von den verschiedenen Verteidigungsministern permanent runtergerechnet wurde, beläuft sie sich mittlerweile immernoch auf „5000+x“; die Rekrutierungssituation hat sich dabei erheblich verschärft: Durch den Wegfall der Wehrpflicht, durch eine hohe Abbrecherquote bei den Freiwilligen und durch immer weniger „taugliche“ Bewerber. Zudem hat die Bundeswehr, so führte der Referent weiter aus, einen hohen Bedarf an Akademikern zu decken. Auch dürfe man den Umstand nicht vergessen, dass die Anwerbung auch mehrere politische Dimensionen hat: Zum einen werden auch die „Wähler von morgen“ herangezogen, und zwar der Parteien, die Auslandseinstäze und die Stellung der Bundeswehr im Staat generell bejahen, andererseits soll das Image der Bundeswehr insgesamt aufgebessert werden.

Diese Werbung und Rekrutierung läuft nicht zuletzt über die „Informationsveranstaltungen“ der Bundeswehr an Schulen, z.B. im Sozialkundeunterricht: Über Kooperationsvereinbarungen, die es mittlerweile in 9 Bundesländern gibt, treten die Bundeswehr und die Schulen zusammen. Dann kommen die sogenannten „Jugendoffiziere“ ins Spiel, von denen es 94 hauptamtliche und 300 nebenamtliche sind, die mit dem POL/IS Strategoverschnitt und geostrategisch ausgerichteten Politikverständnis während ihren Vorträgen den Schülern deutsche Außen- und „Sicherheits“politik erklären. Ursprünglich,so fügt ein Mitglied des AK Zivilklausel während des Vortrags hinzu, stammten diese 1958 gegründeten „Jugendoffiziere“ aus der Abteilung „psychologische Kriegsführung“, dem bleibt erstmal nichts hinzuzufügen. Bei all diesen Aktionen lassen sie jedoch nicht den Soldaten raushängen, sondern treten, so der Referent, cool auf und versuchen „auf Augenhöhe“ mit den „Kids“ zu reden, arbeiten dabei auch immer eng mit dem Lehrpersonal zusammen. Die Anzahl der Veranstaltungen und der erreichten Kinder und Jugendlichen lässt erschaudern: Insgesamt 7.350 Veranstaltungen mit 176.862 Teilnehmerinnen und Teilnehmern; davon 102.112 SchülerInnen an Schulen, um nur einige wenige der Zahlen zu nennen, die Michael Schulze von Glaßer im Vortrag anführte.

Einen weiteren Schwerpunkt legt die Bundeswehr auf die „Wehrdienstberatung“ und das Auftreten auf Messeständen, von denen sie allein 2009 ca. 300.000 Schüler an Gymnasien, Haupt-, Real- und Berufsschulen erreichte. Zusätzlich zu den Angeboten an Schulen kommen Messestände und ähnliches bei großen Events, zum Beispiel dem Hessentag, wo schweres Gerät ausgestellt ist und die martialische Präsenz junge Menschen anlocken soll.

Auch die Schülermedien werden nicht außen vor gelassen: Im neoliberal ausgerichteten „Spiesser“, das mit sehr hoher Auflage produziert wird, macht die Bundeswehr regelmäßig Werbung mit ganzseitigen Anzeigen, auch wird im Universalverlag, der zum Teil der FDP gehört eine Broschüre gedruckt mit Namen „Frieden und Sicherheit“, das als Unterrichtsmaterial den SchülerInnen klar machen soll, warum man Soldaten brauch und mit welchem Selbstverständnis im doppelten Wortsinn die Bundesregierung sich in der Welt „einmischt“. Wo da die „Freiheit der Lehre“ bleibt, die man ansonsten ja gegen die Zivilklausel erhebt stellt sich anscheinend gar nicht. Solange etwas vom Staat kommt, scheint dieser Grundsatz ausgeblendet, den man selbst gegen uns ins Feld führt…

Zum Ende hin kam der Vortrag auf das Engagment der Bundeswehr an Hochschulen zu sprechen, den für den AK Zivilklausel besonders wichtigen Punkt: Hier ging es z.B. um den in der Zivilklauselbewegung berühmt, berüchtigten SFB 700 an der „Freien“ Universität Berlin, wo „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit-Neue Formen des Regierens“ erforscht wird: ein anderes Wort schließlich für neokoloniale und militärische Beherrschung und Fremdbestimmung anderer Länder, die man zuvor kaputtgebombt hat. Desweiteren wurde in Potsdam der Studiengang „Military Studies“ eingerichtt, an einer zivilen Uni! Wie der Referent berichtete, ist auch hier angedacht, dass die Studierenden später in irgendeiner Form zur Bundeswehr wechseln. Neben den Universitäten der Bundeswehr in München und Hamburg scheint es auch schon mehrere Plätze für Bundeswehrstudierende zu geben, die an zivilen Universitäten frei gemacht werden. Dann folgte noch der Hinweis, den wir an anderer Stelle auch schon gaben: die Zusammenarbeit der Jugendoffiziere mit 18 Hochschulen, die in ihrem letzten Bericht von 2010 verkündet wurden.

Abschließend kritisierte Michael Schulze von Glaßer die skizzierten Vorgänge und verwies auf den Zwang, der ausgeübt würde: Die Eltern könnten ihr Einspruchsrecht nicht wahrnehmen und es gäbe eine Anwesenheitspflicht bei den Veranstaltungen der Bundeswehr. Zudem würden keine alternativen Modelle zur Konfliktlösung angeboten und der berühmte Beutelsbacher Konsens, ein wichtiges Dokument der Pädagogik, würde so verletzt.

Zuletzt sei noch auf einige Diskussionsbeiträge hingewiesen, wo z.B. angefragt wurde, ob man in Zukunft wieder bei Jobcentern und ähnlichen Gelegenheiten aufschlagen sollte um gegen die Bundeswehr zu protestieren, die sich dort als „Arbeitgeber unter vielen“ profiliere und es kam auch die Anregung bei einem weiteren „Tagesseminar für Sicherheit“ von den Reservisten in Gießen, anstatt zu fordern, dass die Veranstaltung nicht in den Räumlichkeiten der Uni stattfindet, dasselbe für Protestaktionen zu nutzen, was vom AK Zivilklausel überlegt werden sollte.

Bei wem nun das Interesse geweckt war, der war auch aufgeforder worden am 30.11. um 14:00 unser Arbeitskreistreffen zu besuchen bzw. am 7.12.2011 die von uns mitorganisierte Veranstaltung

Wer den gesammten Vortrag noch mal hören will der schaue hier. Weitere Informationen gibt es auch zum Nachlesen im Buch „Heimatfront“ von unserem Referenten, erschienen 2010 bei PapyRossa in Köln.

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